Die Zeiten, in denen kleine Formationen Combos und große Ensembles im Jazz unweigerlich Big Bands waren, sind gottlob ebenso lange vorbei, wie jene, in denen Jazzmusiker sich entscheiden mussten, ob sie frei oder traditionell spielen wollen. Das Spektrum der Kombinationen und Gestaltungsebenen im Jazz hat sich universal erweitert. Die CD „Eudaimonia“ der jungen Saxofonistin und Flötistin Luise Volkmann beschreibt diesen glückseligen Tummelplatz der unbegrenzten Ausdrucksmöglichkeiten auf sehr unterhaltsame Weise.

 

Luise Volkmann ist eine passionierte Geschichtenerzählerin oder – wenn man so will – eine feinsinnige Porträtmalerin, was sich ja im besten Fall gegenseitig bedingt. Im Mittelpunkt jedes ihrer Stücke steht immer die Story, die sie erzählen will. Dazu macht sie sich Gedanken um die Form und Struktur, aber auch um die Dynamik und Dramaturgie mit der die jeweilige Geschichte erzählt werden soll, und findet die Musiker, die sie für ihre Erzählung braucht. Für ihren Zyklus „Eudaimonia“ hat sie ein Kollektiv von zwölf Mitverschworenen zusammengerufen. Diese stehen nicht nur für unterschiedliche Szenen, sondern auch für teilweise divergierende Musikauffassungen, die sich in ihrer Formation Été Large jedoch auf nahezu perfekte Weise ergänzen.

 

Der Begriff Eudaimonie kommt aus der griechischen Antike und beschreibt grob umrissen einen ausgeglichenen Gemütszustand aufgrund gelungener Lebensführung. In einschlägigen Nachschlagewerken kann man lesen, dass die griechischen Philosophen Eudaimonie einhellig als von allen Menschen anstrebenswerten Zustand betrachteten, sich aber über den Weg zu diesem Ziel uneinig waren. Als Voraussetzung galt Selbstgenügsamkeit. Und genau diese ist das Rohmaterial, aus dem Luise Volkmanns Kompositionen sind. Sie gibt ihren Stücken exakt, was sie brauchen, hält sich immer dicht an der jeweiligen Storyline und verzichtet auf jede Form von Redundanz. Ihre Kompositionen sind von großer Komplexität und noch größerer Formenvielfalt, und doch sind sie in ihrer erzählerischen Struktur einfach nachvollziehbar, abwechslungsreich und kurzweilig. Dass der jungen Musikerin dieser Spagat bereits auf ihrer Debüt-CD auf sehr hohem Niveau gelingt, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch spannend und verheißungsvoll.

 

Erfahrungen mit größeren Formationen konnte Luise Volkmann unter anderem in Ensembles um Satoko Fujii und Lisa Mezzacappa sammeln. Mit ersterer verbindet sie ihre Inbrunst, mit der zweiten das Gespür für die Veränderlichkeit eines musikalischen Kontexts. Geschickt und unaufdringlich changiert sie zwischen Momenten von Kammermusik, freier Jazz-Improvisation und der Unmittelbarkeit des alternativen Rock. „Generell interessieren mich Fragen von Raum und Form in der Musik“, erläutert Luise Volkmann. „Das Element Form wird in der Musik oft vernachlässigt. Ich finde, durch eine spannende Struktur kann einfaches Material anders erklingen und avantgardistisch wirken. Ich such nach Themen, denen ich eine spannende Form geben kann. Auf dem Album sind das Porträts von Menschen, die mir gezeigt haben, wie man das Leben gut leben kann.“

 

Auf „Eudaimonia“ sind das Porträts von Menschen, die für ihr eigenes Leben Lösungen gefunden und Luise Volkmann auf diese Weise inspiriert haben. Ich habe ganz intuitiv versucht, aus der Beziehung zu einer Person eine Form abzuleiten, die in den meisten Fällen nach hinten offen ist, weil die Personen ja noch leben. Teilweise haben sich diese Beziehungen während des Schreibens verändert. Dem musste ich in der Komposition Rechnung tragen. Ich habe versucht, mich an manchen Stellen von rein emotionalen Parametern zu entfernen und auch nach interessanten, rein musikalischen Momenten recherchiert.“ Am Ende dieses alles andere als geradlinigen Prozesses steht eine nicht alltägliche Musik, die unprätentiös den Alltag einfängt. Oder um es mit den Worten der Saxofonistin zu sagen, „eine menschliche Musik“.

 

Bei den angesprochenen Porträts handelt es sich um ganz intime Sichtweisen auf Menschen, die Luise Volkmann wichtig sind. Personen aus ihrem Umfeld oder Menschen, die sie auf andere Weise geprägt haben. Dass dieser Porträtcharakter aus den Titeln der sieben Stücke auf „Eudaimonia“ nicht immer eindeutig hervorgeht, ist eher nebensächlich. Im Gegenteil, es ist ihr unwichtig, ob die Porträtierten dem Hörer bekannt sind oder nicht. „Es ging mir darum, eine Beziehung zu einer nahen Person abzubilden“, fasst Luise Volkmann ihr Konzept zusammen, „und damit gleichzeitig eine für mich persönliche Geschichte zu erzählen, aber auch abstrakte Bilder von Beziehungen zu schaffen, die der Hörer mit seinen eigenen Beziehungen synchronisieren kann. Jeder hat eine Oma, eine beste Freundin. Sie alle sind einmalig, und doch ist ihnen allen etwas gemein. Das macht sie so interessant.“ Im Vordergrund stand das Interesse daran, was einzelne Menschen aus ihrem Leben machen. Sie stellt grundsätzliche Fragen nach dem Lebenssinn, die sie an ihre Hörer in poetischen Übersetzungen weitergibt, ohne jemals den Zeigefinger zu heben. Statt auf den viel zitierten Elfenbeinturm zu fliehen, mischt sie sich als gestaltende Beobachterin unter uns.

 

Um die Vielfalt der Beobachtungsebenen zu garantieren, umgibt sich Luise Volkmann mit einer illustren Schar von Mitstreitern, die in ihrer temporären Gesamtheit Été Large ergeben. Wie bereits die Themen ihrer CD dem Leben abgelauscht sind, so hat sie auch auf verschiedenen Abschnitten ihres Lebens Musiker eingesammelt. Sie hat in Leipzig studiert, mit Berliner Musikern gearbeitet, eine eher zufällige Connection nach Schweden aufgebaut und lebt seit zwei Jahren in Paris. All diese Momente fügen sich in der Besetzung zu einer biografischen Achse zusammen, auf der Luise Volkmann ihre Innen- und Außenansichten gezielt bündeln und transportieren kann. Mit zwei Stimmen, vier Holzbläsern, Trompete, Posaune, Piano, Cello, Bass und Schlagzeug kann sie großzügig denken, großzügig sein.

 

Die auffällige Geste wechselt sich mit dem winzigen Augenaufschlag ab, die pralle Wucht des Lebens mit nachdenklichen Rückzügen. Die große Form besteht aus zahlreichen kleineren Bildelementen, die wie ein Aquarell ineinander fließen, um im nächsten Augenblick wie durch die Konturen eines Comics scharf voneinander getrennt zu werden. Oder ist es genau umgekehrt? Alles bleibt auch nach mehrfachem Hören unberechenbar, denn wie in einem frühen Roman von Paul Auster sind das Leben und seine Protagonisten auch bei Luise Volkmann zu komplex, um sich bereits nach einmaliger Erzählung erschöpft zu haben. Diese Porträts wollen immer wieder neu gehört werden, um jedes Mal neue Nuancen preiszugeben. Auf „Eudaimonia“ gibt Luise Volkmann ihren furiosen Einstand als Meisterin der musikalischen Erzählung.

 

 

Luise Volkmann                 _compositions, altosax, flute
Casey Moir                         _voice               
Laurin Oppermann           _voice              
Vincent Bababoutilabo   _flute                   
Otis Sandsjö                      _tenorsax               
Gabriel Lemaire                _baritonesax               
Timothée Quost                _trumpet               
Robinson Khoury              _trombone               
Liron Yariv                           _cello
Athina Kontou                   _bass                  
Joahnnes Bigge                _piano             
Max Santner                       _drums